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BACK TO...?

  • Autorenbild: AlinaB77
    AlinaB77
  • 3. Okt. 2020
  • 3 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 8. Dez. 2020

Es gibt dieses Lied „Back to Life“, ein Nummer –eins- Hit von „Soul II Soul“ aus dem Jahre 89, das gerade im Radio lief, als ich versuchte mein schreiendes Baby zu beruhigen. Was nicht klappte, weil es im Auto nie klappte und ich es schließlich mit sausenden Ohren aus dem Kindersitz nahm und an meine Brust legte, wo es dem Himmel sei dank einschlief. Ich dachte also in der wiederkehrende Ruhe, unter einem monotonen Motorengeräusch, auf stillstehende Windräder starrend, an „Back to Life“, dachte daran, dass ich zwar lebte, aber immer weniger fühlte und mich neuerdings daran erinnern musste, das ich da war. Mein Freund fuhr wie gewohnt das Auto und mir wurde klar, das ich der typische Beifahrer war. Irgendwie orientierungslos, flatterhaft und abhängig. Ich bestimmte nicht mein Leben und wo die Fahrt hin geht, sondern die anderen taten es. Und zwar mit meinem Einverständnis. Ich fühlte mich mal wieder seltsam leblos unter meiner Haut, außer einem sinnlosen Brennen in der Herzgegend. Offensichtlich war ich am Ende. Ich war am Arsch. Der Schlafmangel, das Stillen, die monotonen Abläufe, meine verloren gegangene Autonomie, mein Schreiben und beruflichen Ambitionen, die ich weder verfolgen, noch verteidigen konnte, das alles frustrierte mich. Wie war ich hier rein geraten? Was war geschehen? Wie konnte es dazu kommen? Ich betrachtete mein schlafendes Kind voller Liebe und Begeisterung und wunderte mich über meine Ambivalenz. Meine Energiereserven waren aufgebraucht, das stand fest. Und während sich mein Freund weiterhin selbst verwirklichte, arbeitete, viele neue Leute und Erfahrungen machte und eine Menge Geld verdiente, blieb ich auf der Strecke. Ich konnte zwar ein anderes Lebewesen durch mich zum wachsen und gedeihen bringen, das brachte mir aber weder Anerkennung noch Kohle und ich verschwand dabei zunehmend. Die Tätigkeit des Selbstkraulens am rechten Arm erinnerten mich wage an mich. Vielleicht war es ja auch neben meiner angeborenen Melancholie das komplette Weltgeschehen, das mir zu setzte: die Coronapandemie, institutioneller Rassismus, der Klimawandel, die Ausbeutung von Menschen, Tieren und der Natur, das Abstumpfen der Sinne unter dem nicht enden wollenden technischen Fortschritt. Alles in allem dringliche Themen, die ein Umdenken erfordern und die Erkenntnis, dass es so nicht weitergehen kann. Wo und wie konnte ich mir und den anderen helfen? War ich dazu überhaupt in der Lage? Das Gefühl der Überforderung machte sich in mir breit. Ich massierte meinen steifen Kiefer, der knackste und mich daran erinnerte, dass mein einziges Körpergefühl inzwischen die Anspannung war. Aber was hatte dass eigentlich mit dem Lied von „Soul II Soul“ zu tun, bei dem es um das Thema Liebe geht. Gar Nichts. Außer das es am Ende immer um Liebe geht, dachte ich, während ich meinen rechten, eingeschlafenen Fuß bemerkte und versuchte meine Zähen im Schuh so zu bewegen, das mein Sohn davon nicht aufwachte. Und dann begann an diesem Windlosen Spätsommertag ein Zwiegespräch zwischen mir, der Hoffnung und dem Leben.


Leben: Na, wie geht’s?

Ich: Ich weiß nicht.

Hoffnung: Das wird schon wieder.

Ich: Was soll das heißen?

Hoffnung: Es gibt neben den ganzen Katastrophen viele neue Bewegungen und Initiativen für ein besseres zusammen Leben. Insgesamt ist die Stimmung im Land nicht die Beste, aber aus der Krise erwächst bestimmt etwas Gutes. Ein neues besseres Bewusstsein zum Beispiel.

Ich: Ich weiß nicht.

Hoffnung: Alles wird gut.

Ich: Ich bin da etwas pessimistisch.

Leben: Warum beschwerst du dich eigentlich immer? Du hast ein süßes Baby, du hast einen 8 jährigen Sohn, einen Freund, ein Dach über dem Kopf, du hast Freunde und deine Mutter...

Ich: Ja, das stimmt.

Leben: Ich finde auch du könntest demütiger sein. Deine ganzen Erwartungen sind ziemlich anstrengend.

Hoffnung: Komm wir umarmen uns alle mal!

Ich: Nee.

Hoffnung: Doch.

Leben: Komm schon!

Hoffnung: Ja, Rudelknutschen!

Ich: Nein.

Leben: Jetzt stell dich nicht so an!

Ich: Na gut.

Hoffnung: Das tut so guuuuuut!

Leben: Wir brauchen einfach mehr Körperkontakt.

Ich: Ja. Ich bediene ständig nur irgendwelche technischen Geräte das hat maximal mit meinen Fingern zu tun.

Leben: Du bist eine Memme. Mit dir ist nichts mehr los. Du musst dringend etwas an deiner Einstellung ändern.

Ich: Sorry.

Hoffnung: Wie wäre es mit Bäumen umarmen?

Ich: Ich weiß nicht. Scheiß Technik. Wir verlieren immer mehr unsere Sinne und vergessen unseren Körper. Ich meine selbst meine Mutter hängt ständig vor ihrem Telefon ab und schickt irgendwelche Videos in diversen Gruppen durch den virtuellen Raum. Wenn ich sie berühre zuckt sie zusammen.

Leben: Ja, es hat sich im laufe der Jahre schon etwas verändert.

Hoffnung: Ja.

Ich: Gut, wir kommen hier jetzt auch nicht weiter, aber danke fürs Gespräch.

Leben: Gern geschehen.

Hoffnung: Rudel knutschen?


„Hast du was gesagt?“ fragt mein Freund in den Rückspiegel schauend. „Ich hab dich lieb sage ich.“ „Oh“, sagt er. "Meistens." Füge ich hinzu. "Ok." sagt er. Dann schaue ich zu meinem Sohn runter, schließe meine Augen und hoffe auf einen erholsamen 5 Minuten Schlaf, aber da geht das Ohren betäubende Geschrei schon wieder los.


 
 
 

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